Ich hab mir die letzte Zeit einige Gedanken gemacht, man wird ja immer wieder drauf gestossen
Ich denke es kommt - wie so oft - einfach auch auf den Hund drauf an.
Also glaub ich dass man einen bestimmten Typ Hund ausschließlich mit positiver Verstärkung erziehen kann? Ja, das tue ich. Einfach weil bei meine erste Hündin tatsächlich nur mit positiver Verstärkung den Grundgehorsam aufgebaut habe. Nicht weil ich die Theorie so knackig fand (die kannte ich zu der Zeit noch gar nicht) sondern weil es bei ihr einfach nicht mehr brauchte und alles andere kontraproduktiv war.
Shiva war ein Tierschutzhund, die aus Vermittlung zurückkam weil sie - wenn sich andere Leute ihren Menschen näherten - nach denen schnappte. Also hab ich Anfangs bei ihr ein klares, leicht strenges "Nein" als generelles Abbruchsignal verwendet. Weder laut, noch böse - trotzdem kam die jedesmal angedackelt, als würde ich sie gleich verbrügeln und dann verstossen.
Also hab ich ein rein positives "Niet" aufgebaut und bei Shiva war das vollkommen ausreichend. Ich sagte freundlich: "Shiva, Niet" - sie guckte mich an und unterbrach jede Handlung die sie gerade macht, kam freudig an und setzte sich neben mich um sich ein Lob (oder Leckerli / Spielzeug) abzuholen. Und sie hat dann die Handlung auch nicht mehr fortgesetzt. Sie war bei mir eine komplett problemlose Hündin und zeigte nie ein Anzeichen von Abwehrschnappen. (dazu gehört aber auch das ich ihr viel Sicherheit und Klarheit gab, das war jetzt sicher kein Verdienst der positiven Verstärkung

)
ABER glaub ich dass ausschließlich positive Verstärkung bei jeden Hund angewendet werden sollte? Definitiv NEIN! Den meine süsse Emmy ist ja da ganz anders drauf. Bei der bekommt man bei einem leicht strengen "Nein" - wo Shiva schon komplett zusammengeklappt ist - höchstens einen genervten "oh Mannoooooo" Blick und früher ein ganz entspanntes Abwarten ob noch ein schärfes "Lass es" folgte, bevor sie ihren entzückenden Plüschpopo in Bewegung setzte.

Jaja, mein Süsse!
Oder ich stell mir den Absolut-Proll (Marke: Labbi) von meiner Freundin vor. Der ist nicht überfordert oder ängstlich, sondern der prollt manchmal einfach gerne andere Rüden an. Ich stell mir dann immer vor wie meine Freundin da dann mit Clicker und gebratenen Hühnerbrustwürfeln umherwuseln würde, wenn er grad dabei ist einen anderen Hund anzuprollen

Nein, sorry - geht gar nicht! Sie ist selbst Hundetrainerin und stellt sich bei Ansätzen des Verhaltens einfach mit einem klaren und deutlichen "Lass es" dazwischen und gut ist es.
Was übrigens ein wichtiger Punkt ist - es wird bei ausschließlich positiver Verstärkung so oft betont das es wichtig ist dass man mit freundlicher Stimme redet und richtiges Verhalten belohnt. Also es ist ja jetzt nix Neues dass Hunde viel mehr Körpersprache reagieren. Und da fängt für mich die Schwierigkeit an, den viele merken gar nicht wieviele Signale sie dem Hund körpersprachlich senden.
Ich hab nämlich mal auf meine Freundin (ebendiese Hundetrainerin) gewartet, die ein Vorgespräch mit einer Kundin hatte, welche ein paar Probleme mit ihrem Hund hatte und ausschließlich positiv arbeiten wollte, weil es ja in den meisten Fällen so gut klappte bei ihr. Meine Freundin wollte sich das dann zeigen lassen.
Fakt war, die Frau hatte zwar ein ganz fröhliches "Nein" samt anschließend Supertupperleckli und tatsächlich reagierte der Hund drauf - ABER ihr ganze Mimik und Haltung war in dem Moment eine "Ich beiss Dir den Kopf ab, Du Mistköter" Haltung

Ernsthaft, ich musste so lachen!
Und noch so ein Punkt wo ich mich frage: Also Leute die kompromislos ausschließlich positiv verstärkende agieren müssen ja toooootal ausgeglichene Menschen sein (was nicht ungedingt das Bild ist, was in verschiedenen Blogs und Foren wiedergespiegelt wird, um ehrlich zu sein...)
Ich hatte vor ein paar Monaten so einen Fall. Emma muss bei Kundenterminen immer auf ihrer Decke bleiben - ist natürlich alles super positv aufgebaut und funktioniert inzwischen tadellos. Doch es gab da eben einen Termin da war Emma aus irgendeinen Grund hibbelig und versuchte zweimal Aufmerksamkeit zu bekommen, indem sie die Decke verlies. Beim ersten Mal hab ich sie noch mal klar und ruhig zurückgeschickt. Beim zweiten Mal als gabs ein deutliches gezischtes "Decke!" in ihre Richtung, das weitere Diskussionen beendete.
Ich würde meinen Hund anlügen wenn ich da noch mit einem lieben Nein und Leckerli arbeiten würde. Die würde mich ohnehin durchschauen und dann komplett verunsichert sein. Also bin ich lieber klar - genervt = genervtes Gesicht & Stimme / zufrieden = zufriedenes Gesicht & Stimme.

Vielleicht war der Reiz in dem Momentan zu gross, doch mal ehrlich - ich kann auch nicht jeden Reiz immer nachgeben. Klar nehme ich da auch Rücksicht und versuche Situationen zu vermeiden wo ich Emma überfordere. Doch wie realistisch ist bitte ein komplett stress- und frustfreies Leben?
Ansonsten bin ich von den Möglichkeiten des Klickers abseits von Tricks inzwischen sehr begeistert und das obwohl ich anfangs auch skeptisch war. Also zum Beispiel kann es bei Emma passieren dass sie sich erschreckt (z.B. sehr lauter Knall) und dann komplett weg ist (also extrem bellt, sich am Boden legt und wegrobben will). Dann kann ich einwirken auf sie was ich möchte - da ist für mich der Klicker wirklich die rettende Lösung gewesen. Das rein positive Klick holt sie da wirklich zurück, bekomme ihre Aufmerksamkeit und wir können die Situation ruhig verlassen.
Also um meinen Gedankenfluss auf den Punkt zu bringen: Ich glaube jede Erziehungsmethode muss man auf den Hund und da wiederrum auf die jeweilige Situation abgestimmt sein. Ich denke manche Hunde brauchen wirklich sehr klare Ansagen, genauso wie manche Hunde ganz, ganz feine Töne brauchen und viel Ermutigung - das einzige wo ich mir sicher bin, es gibt nicht DIE theoretische Methode für alle Hunde und jede Situation.
Doch leider fällt es vielen Menschen schwer ihren Hund richtig einzuschätzen und ein dann kann eine Trainingsmethode, an der kompromislos festgehalten wird, ganz schlimm nach hinten los gehen.