Der MDR1-Defekt beim Australian Shepherd

💊 MDR1-Defekt beim Australian Shepherd

MDR = Multi-Drug Resistance (ABCB1) Multiple Medikamentenüberempfindlichkeit beim Hund.
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Hierbei handelt es sich um einen Defekt im Multidrug-Resistance Transporter (MDR1), der für die Blut-Hirn-Schranke verantwortlich ist und eine Überempfindlichkeit gegenüber Ivermectin und anderen Medikamenten bedingt. Bei betroffenen Hunden (-/-) kann eine Behandlung mit diesen Medikamenten zum Tode führen.
Bei einem funktionierenden Transporter werden Medikamente und toxische Stoffe zurückgehalten und ins Blut zurückbefördert; er bildet eine Barriere für solche Stoffe. Jedoch spielt bei MDR1 nicht nur die Medikamentenunverträglichkeit eine Rolle. Der Defekt beeinflusst außerdem noch weitere Stoffwechselfunktionen im Körper, so z. B. neben der Barrierefunktion für das Gehirn auch die der Hoden und der Plazenta. In Leber, Niere und Darm ist das MDR1-Protein an der Ausscheidung von Stoffen beteiligt. Es übernimmt Transportfunktionen und beeinflusst den hormonellen Stoffwechsel.
Weitere Infos zur Mutation.
Das ‘+‘ steht für ein intaktes Gen, es wird auch oft als normal ‘n‘ bezeichnet.
Ein ‘‘ steht für ein mutiertes Gen, es wird auch als als mutant ‘m‘ bezeichnet.
+/+ (n/n) Frei
+/- (n/m) Träger
-/- (m/m) Betroffen

🔀 MDR1 Vererbungsschema

VerpaarungErgebnis Welpen
+/+ x +/+100% Frei (+/+)
+/+ x +/-50% Frei (+/+), 50% Träger (+/-)
+/+ x -/-100% Träger (+/-)
+/- x +/-25% Frei (+/+), 50% Träger (+/-), 25% Betroffen (-/-)
+/- x -/-50% Träger (+/-), 50% Betroffen (-/-)
-/- x -/-100% Betroffen (-/-)

Hinweis zur Statistik: Bei den angegebenen Prozentwerten handelt es sich um reine Statistik! Bei der Verpaarung zweier Hunde mit jeweils MDR1 +/-  können statistisch gesehen also 25% MDR1 -/- Nachkommen fallen. Der Zufall spielt aber eine grosse Rolle und so kann es auch passieren, dass alle Nachkommen MDR1 -/- haben oder keiner der Nachkommen.

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Besitzer Betroffener Hunde (-/-) müssen gut aufgeklärt sein

Für Besitzer eines Hundes mit dem Status  -/- ist im Alltag Achtsamkeit geboten, die über den Tierarztbesuch hinausgeht. Ein oft unterschätztes Risiko ist die Aufnahme von Pferdekot. Pferde werden häufig mit Wurmkuren behandelt, die hochkonzentriertes Ivermectin enthalten. Während diese Stoffe für das Pferd harmlos sind, werden sie in Mengen ausgeschieden, die für einen MDR1-betroffenen Hund bereits beim Fressen kleiner Mengen gefährlich sein können. Ein wachsames Auge bei Spaziergängen in Reitergebieten ist daher eine sinnvolle Vorsichtsmaßnahme.

 

👩‍⚕️ Eine wissenschaftliche Perspektive auf MDR1/ABCB1 – Mythen und Fakten


Das ABCB1-Gen (früher MDR1) kodiert für das Protein P-Glykoprotein, einen wichtigen Efflux-Transporter, der viele Medikamente aus Zellen pumpt – besonders an der Blut-Hirn-Schranke. Beim Hund führt eine spezifische Mutation (ABCB1-1Δ, 4-Basenpaar-Deletion) bei betroffenen Tieren (Homozygoten) zu einer stark reduzierten oder fehlenden Funktion dieses Transporters. Dadurch gelangen bestimmte Wirkstoffe (z. B. Ivermectin, Milbemycin, Loperamid, einige Chemotherapeutika) vermehrt ins Gehirn und können dort schwere neurologische Symptome bis hin zu Todesfällen auslösen – selbst in niedrigen Dosen. 

Beim Menschen ist das ABCB1-Gen ebenfalls vorhanden und hochgradig ähnlich, doch es gibt keine vergleichbare deletierende Mutation, die P-Glykoprotein komplett ausschaltet. Stattdessen existieren häufige genetische Varianten (SNPs wie C3435T), die die Expression oder Aktivität des Proteins nur mild modulieren. Diese können die Pharmakokinetik von Medikamenten beeinflussen, z. B. höhere Wirkstoffkonzentrationen im Gehirn bei manchen Antidepressiva oder Chemotherapeutika, was in Einzelfällen die Wirksamkeit verbessern, aber auch Nebenwirkungen erhöhen kann. Hier muss die Dosis genauer angepasst werden.
Der Name „Multi-Drug Resistance“ (MDR1) bezieht sich übrigens auf die
normale (+/+ Wildtyp-)Funktion des Gens, die Resistenz gegen bestimmte Chemotherapeutika erzeugt – bei Mutationen (-/-) ist das Gegenteil der Fall: erhöhte Empfindlichkeit statt Resistenz. 

 

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Weitere Gene haben Einfluss auf Empfindlichkeit:

Diese Erkenntnisse aus der Humangenetik unterstreichen die Komplexität. Die P-Glykoprotein-Funktion wird nicht nur von ABCB1 allein bestimmt, sondern von vielen weiteren Genen und Regulatoren beeinflusst auf die derzeit gar nicht getestet wird. Ein wichtiger Grund, warum es aus populationsgenetischer Sicht fahrlässig wäre, alle MDR1 Träger von der Zucht auszuschliessen.

Verantwortung in der Zucht

In der modernen Aussie-Zucht ist der MDR1-Status kein Ausschlusskriterium für die Zuchtzulassung, sofern die Verpaarungspartner strategisch gewählt werden. Das Ziel verantwortungsvoller Züchter ist es nicht zwingend, den Defekt sofort auszurotten – da dies den Genpool zu stark einschränken könnte -, sondern betroffene Welpen (-/-) durch gezielte Planung zu verhindern. Durch die Kombination eines Trägers (+/-) mit einem freien Partner (+/+) entstehen laut Statistik keine betroffenen Nachkommen. So bleibt die genetische Vielfalt erhalten, während das gesundheitliche Risiko für die Welpen eliminiert wird.

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Testmöglichkeiten

Um den MDR1-Status zweifelsfrei nachzuweisen, ist ein einfacher Gentest (via Blutprobe oder Backenabstrich) verfügbar. Seriöse Züchter lassen ihre Zuchthunde vor dem ersten Einsatz testen. Aber auch Aussiehalter haben die Möglichkeit ihren Hund bei verschiedenen Laboren (Laboklin, Certagen usw.) testen zu lassen um Klarheit zu haben.

⚠️ Liste kritischer Arzneistoffe 🔗

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Verstärkte bis toxische Wirkung gezeigt bei Hunden mit MDR1-Defekt (-/-)
💊

Antiparasitika:
Ivermectin
• Doramectin
• Moxidectin (bei Überdosierung oder oraler Anwendung)
• Milbemycinoxim (bei Überdosierung)
• Emodepsid (bei Überdosierung und Nicht-Nüchtern-Anwendung)
Zytostatika:
• Vincristin
• Vinblastin
• Doxorubicin
• Paclitaxel
• Dactinomycin
Antiemetika:
• Ondansetron
Antibiotika:
• Erythromycin
Herz-Kreislauf-Therapeutika:
• Digoxin
Opioide:
• Loperamid
• Butorphanol
• Apomorphin
Neuroleptika:
• Acepromazin

 

Quellen & weiterführende Literatur

Die Informationen in diesem Artikel basieren auf wissenschaftlich fundierten Quellen. Für die aktuellsten Empfehlungen konsultieren Sie bitte immer Ihren Tierarzt und/oder die genannten Institutionen.

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— Artikel aktualisiert am